Kinder und ihr Verständnis von Tod

Um als Erwachsener unsere Kinder zu verstehen und ihnen dann auch gerecht zu werden, bedarf es des Grundverständisses.
Was also verstehen Kinder, wenn es um Sterben und Tod geht?

Bitte suchen Sie nicht nach dem Abschnitt des für Sie interessanten Alters.
Es gibt keine klaren Abgrenzungen. Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen Kindern im Kindergarten-Alter und Kindern in der Grundschule. Dennoch, Entwicklung eines Kindes ist sehr unterschiedlich...es sind nur Etwa-Angaben, die also ineinander verwischen und verschwimmen.
Die Entwicklung und die Veränderung zu kennen ist sinnvoll.

Das Alter ist zwar ausschlaggebend aber vor allem die kognitive Fähigkeit.
Je jünger ein Kind ist, desto weniger kann es begreifen, was Endgültigkeit bedeutet.
Ein nicht Hier-sein bedeutet erst einmal ein Woanders-sein.
Wir alle kennen das von den ersten Versteckspielen:
Wir legen unsere Hände vor unsere Augen/ unser Gesicht, nehmen sie wieder weg und die Kinder freuen sich.
Ich seh dich nicht, also bist du nicht da!
Es ist ein symbolisches Verstehen von "Da/Nicht-Da" Spielen.
Sie erkennen die Abwesenheit eines Menschen, aber begreifen nicht die Bedeutung.

Jüngere Kinder können also die Tragweite von Tod nicht verstehen.
Die Endgültigkeit kann ihr Verstand noch nicht begreifen,
Konsequenzen aus dieser Endgültigkeit können daher auch nicht erkannt werden.
Kinder haben ihre eigene Vorstellung, was es bedeutet, nicht Da zu sein.

Wenn Kinder im Alter von 3 und 4 Jahren vom Tod eines Menschen hören
und ihnen in diesem Zusammenhang erzählt wird, dieser Mensch sei nun im Himmel,
dann stellen sie sich das ganz konrekt vor.
Himmel ist wie Erde...nur eben oben.....
Dort wird der Mensch so leben, wie auf der Erden hier auch.
Dort gibt es andere Menschen, Häuser, Kindergärten, Spielplätze.....
Kinder erzählen dann häufig: der Opa schaut jetzt zu uns runter.

Kinder in diesem Alter gehen zum Friedhof und singen dort das neue Lied vor oder tanzen den neuesten Tanz um das Grab....sie stellen sich vor, das der Verstorbene es hört und sieht.

Wenn auch Tod noch nicht verstanden wird, so nimmt das Kind Verlust wahr.
Es ist ein erstes Annähern an das Verstehen von Tod und Leben...



Etwa ab dem 4. Lebensjahr gewinnt ein Kind langsam an Vorstellung von Tod.
Das Wort wird benutzt, die ensprechende Emotionalität kann jedoch noch nicht dazu geordnet werden.
Beobachtungen von unbelebt und belebt werden wahrgenommen, ein totes Tier am Wegesrand betrachtet und auch untersucht. Die Leblosigkeit wird irgendwie erkannt. Ein Zusammenhang zu Menschen nicht hergestellt.
Die eigene Sterblichkeit wird noch nicht erkannt.

Weil auch Kinder sehr unterschiedlich in ihrer Entwicklung und vor allem in ihrem Erleben sind kann also zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr die Erkenntnis über Tod unterschiedlich sein. Tod könnte als vorrübergehender Zustand verstanden werden, oder als magische Phase.
Werden die Kinder älter, verändert sich ihr Horizont und ihre Fähigkeit weiter zu blicken, Zusammenhänge zu begreifen und Konsequenzen zu erkennen.

Ab dem 6. Jahr entwickelt sich die personifizierte Vorstellung von Tod (Engel, Sensemann, Skelett...).
Die eigene Sterblichkeit wird noch verdrängt, kann aber mit ca 8 Jahren als eigenes Schicksal angenommen werden (oder mit Angst verbunden erkannt werden).
Verknüpfungen werden hergestellt: zum Beispiel ist jemand im Krankenhaus verstorben, so bekommt evtl. das Krankenhaus den Zusammenhang Tod und Sterben. Daraus resultierende Ängste sind nicht zu unterschätzen.
Kinder in diesem Alter fragen danach, was nach dem Tod kommt.

Manche Kinder erleben Tod und Verlust; aber die Tragweite dessen wird erst durch andere Begebenheiten wirklich deutlich.
So hat ein Mädchen von 7 Jahren, die das Sterben und den Tod ihrer Mutter miterlebt hat, die ganze Tragweite erst wie auf einen Schlag begriffen, als Monate später eine neue Frau an der Seite des Vaters war und Nähe und Zärtlichkeiten vor den Kindern ausgetauscht wurden. Im Moment des Verstehens schlug die Wahrheit über den Tod und das Niemals-Wiederkehren der Mutter regelrecht über ihr zusammen.

Ab 9 Jahren stellen Kinder die Beziehung zu logischen und biologischen Tatsachen her.
Alter, schwere Krankheit....parallel zu diesem Bewusstsein wird auch ein Zusammenhang gesucht. Tod kann als Strafe gesehen werden: jemand darf nicht mehr Leben.
Fragen und Vorwürfe auch Schuldgefühle können hier Platz einnehmen.
Der Tote war nicht gut genug, oder hat etwas Böses getan, die Angehörigen waren böse oder auch das Kind hat etwas getan, das dazu führte, dass der Mensch nicht mehr leben darf (ich war nicht lieb genug, ich habe was angestellt, ich habe gestritten, ich habe ihn/sie angelogen...)
Das Unbegreifliche wird versucht zu erklären.

Auch wir Erwachsenen begreifen den Tod oft nicht.
Doch Kinder suchen auf ihre Fragen eigene Antworten. Mit ihrem Wissen bzw Halbwissen geben sie sich diese Antworten selbst.
Für uns Erwachsene sind diese Antworten oft erschreckend, doch sie resultieren aus dem, was wir ihnen als Möglichkeit gegeben haben. Durch unser Verhalten, unsere Worte und /oder unser (fehlende) Offenheit.

Ab dem ca 12. Lebensjahr ordnen junge Menschen Leben Menschen, Tieren und Pflanzen zu.
Sie können klar unterscheiden zwischen Formen des Lebens, dem eigenen Ich und der übrigen Realität.
Sie können die Endgültigkeit und die weitreichende, unausweichliche emotionale Bedeutung des Todes erkennen.
Alle wesentlichen Denkmuster, die auch Erwachsene haben, sind ihnen gedanklich zugängig.

Was wir nicht miteinander vermischen dürfen ist die Tatsache, dass es ein riesiger Unterschied ist, ob ein Kind sich mit dem Thema Tod beschäftigt, weil es davon gehört hat und neugierig wurde oder ob es durch persönliche Erfahrung involviert ist.
Kinder, die neugierig sind suchen nach Erklärungen und probieren aus.
Kinder, die involviert sind, versuchen zu verstehen was um sie herum geschieht oder ganz konkret, was mit ihnen geschieht.


Wenn wir den Kindern zugestehen, bestimmte Situationen und Auswirkungen nicht verstehen zu können, dann fällt es uns nicht so schwer, Kindern auch in der Erfahrung von Tod zu begegnen, es mit ihnen gemeinsam zu erleben.

Wir müssen uns nur bewusst machen, dass unser Verhalten Schule für die Kinder bedeutet.
Kinder nehmen nicht nur wahr, was wir ihnen zeigen, sondern sind sehr sensibel, wenn es um das geht, was wir vor ihnen verheimlichen wollen.
Darum dürfen wir Kinder nicht unterschätzen.


Und müssen ihnen aber gleichzeitig zugestehen, wer sie sind: Kinder.


Allerdings wäre es ein fataler Fehler, wenn wir glauben, ein jüngeres Kind, das den Tod miterlebt und noch nicht vollkommen begreift, kommt durch die Zeit danach und "hat Glück", dass es nicht trauern muss. Sobald die Kinder verstehen können wird sich diese Trauer einstellen. Denn Verlust und Vermissen kann man nicht umgehen.

Ein Kind, dessen Oma gestorben ist, wird irgendwann nach der Oma fragen. Und es wird eine Trauer erleben.
Oft habe ich es erlebt, dass Kinder, die ihre Oma nie gekannt haben, vor ihrer Erstkommunion traurig wurden. Sie hatten evtl. den Opa sprechen hören, wie traurig er ist, dass die Oma dieses Fest nicht mehr miterleben kann. Die Kinder fangen diese Trauer auf und beziehen sie auf ihr freudiges Ereignis. Auch sie spüren dann manches Mal eine Trauer um diese Oma.

Ein Kind dessen Mutter gestorben ist und mit 3 Jahren die Bandbreite der Auswirkungen nicht begreifen konnte, wird aber eine eigene Trauer entwickeln können, wenn es in ein Alter kommt, in dem das Vermissen der Mutter deutlich wird. Sobald es den Vergleich mit anderen Kindern und deren Müttern auf sich selbst beziehen kann und sich dann ein Unterschied erfahren lässt, der keine einfache Feststellung sondern die Auswirkung von Traurigkeit aufkommen lässt, kann dieses Kind beginnen zu trauern, mit allem, was dazu gehört.
Es ist wie ein Aufgeschoben aber nicht Aufgehoben. Wenn die Erwachsenen dann nicht sensibel damit umgehen können, kommt es häufig dazu, dass das Verhalten der Kinder falsch eingeordnet wird, da der Bezug zum Tod, der Jahre zurückliegt, nicht erkennbar ist.

Ein Junge, dessen Familie ich kennen lernen durfte, war 6 Jahre, als sein Vater starb. Alle Erwachsenen waren dankbar, dass er nicht so intensiv litt, wie sie es befürchtet hatten. Erst Jahre später begriff er die ganze Tragweite und veränderte sich. Er zog sich zurück, Schulleistungen und Sozialverhalten ließen starke Auffälligkeiten erkennen.
Die Famlie selbst war erschrocken über diese Erfahrung, denn sie selbst war schon durch einen beträchtigen Teil der Trauer hindurch gekommen. Es wirkte auf sie, wie ein neues Aufbrechen. Gemeinsam haben sie diesen Weg dann neu begonnen. Doch es war für den Jungen ein Geschenk, dass frühzeitig erkannt wurde, dass sein verändertes Verhalten Trauer ist, also die verspätete Reaktion auf den Verlust.
Trauerbegleitung und Therapie haben dem Jungen und der Familie helfen können.


Die kognitive Fähigkeit, also die Fähigkeit Wissen und Erfahren, Wahrnehmen und Erinnern, Lernen und Problemlösen zusammen zu bringen, befähigt das Verständis von Tod und das Begreifen der Konsequenzen daraus. Ebenfalls beeinflusst es so unseren emotionalen Umgang also unser Erleben damit.

Kinder haben kleine Seelen, die verletzt werden können.
Wir dürfen sie nicht überschätzen aber vor allem auch nicht unterschätzen.
Wenn wir Verantwortung für Kinder übernommen haben, ist es unsere Pflicht sie wahrzunhemen, und ernst zu nehmen, mit allem, was sie erleben und verstehen.

Doch, haben Sie in all der Verantwortung keine Angst.
Wenn wir die Kinder ernst nehmen, können sie Vertrauen aufbauen. Und das ich die Grundlage für ein gelingendes und oftmals bereicherndes Miteiander - auch und gerade in schweren Zeiten.
Trauen Sie sich und den Kindern zu, miteinander zu trauern.

zuletzt geändert am  08.02.2019

Portrait

Gabriele Kniesburges
Dipl. Religionspädagogin
Gemeindereferentin
Trauerbegleiterin
Krankenhausseelsorge

E-Mail: gabykniesburges@gmail.com

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