Grundsätzliche Gedanken zur Trauer von Kindern....
siehe hierzu auch Kapitel: Kinder und ihr Verständnis von Tod
                             

Kinder trauern - nicht unbedingt anders, aber altersentsprechend!

Es ist Aufgabe von uns Erwachsenen, die uns anvertrauten Kinder zu verstehen, ihre Reaktion auf den Tod eines Menschen ernst zu nehmen, ihren Ausdruck zuzulassen und behutsam damit umzugehen.

Kinder jeden Alters können den Verlust eines Menschen wahrnehmen.
Es muss nicht das Erkennen und Verstehen von Einzelheiten sein, eher ein Wahrnehmen von Veränderungen.
Selbst Säuglinge spüren Veränderungen in Stimmung und Atmosphäre derer, die sie versorgen.
Ihr Lebensrythmus wird oftmals unruhiger, durch die Änderung in der familiären Situation, Stimmungsschwankungen und auch andere Stimmlaute werden wahrgenommen, wirken auf das Kind ein.
Da Kleinst- und Kleinkinder schon auf geringe Veränderungen im Tagesablauf oder in der Stimmung von Berzugspersonen reagieren, wirkt sich gerade auch ein Todesfall in der Familie aus.
Trinkzyklus und Verdauung können gestört werden. Unruhe, Schlaf- und Wachstörungen sind häufig Folge dieser Wahrnehmung, Unwohlsein und auch Krankwerden.

Für Kinder jeden Alters, die sehr sensibel sind und daher auf alle Veränderungen reagieren, sind Geborgenheit und ein Sicherheitsgefühl von großer Bedeutung.
Verstirbt ein Familienmitglied, so kann sich die veränderte Situation auf diese Bedürfnisse auswirken. Ängste, gerade im Bereich der erforderlichen Fürsorge und Zugehörigkeit, sind nicht selten.
Ihre Versuche, diese benötigte Liebe und Sorge zu erhalten, gerade dort, wo sie sie in Gefahr sehen, lässt Kinder Eigeninitiative entwickeln. Ihre oftmals intensive Forderung nach Zuneigung und Nähe ist ein Versuch, sich der gegebenen Situation anzupassen.
Der spürbare und erlebbare Verlust eines Menschen, fordert nicht selten eine Verlustangst gegenüber Nahestehenden.
Ältere Kinder treibt dann auch schon mal die Frage: Wer wird für mich sorgen? Was wird mit mir geschehen?
Diese Fragen kommten auf bei Kindern, die schon ein Zukunftsdenken entwickelt haben.
Laut aussprechen werden die wenigsten Kinder diese Frage.



Trauer ist Ausdruck des Verlustempfindens.
Verlust eines Menschen oder auch Verlust der Normalität durch den Tod eines Menschen im Umfeld des Kindes.
Je näher das Kind in Beziehung zu dem Verstorbenen stand, umso mehr wird es trauern.
Wie bei uns Erwachsenen auch, die Beziehung ist ausschlaggebend, nicht der Verwandtschaftsgrad.
So kann der Tod eines Haustieres stärkere Auswirkungen zeigen, als der Tod der Tante, die kaum in Beziehung zu dem Kind stand.
Allerdings kann durch die Trauer der eigenen Mutter um die Tante, ein intensives, wenn auch etwas verlagertes Verlustempfinden aufkommen.

Durch den Tod eines nahen Familienangehörigen wird die Gefühlswelt der Kinder hingegen auf den Kopf gestellt.
Sie nehmen das veränderte Verhalten der Erwachsenen wahr und durchleben eine eigene Trauer.
Ein oft unbewusster Grundsatz leitet ihr Verhalten:
sie wollen sich anpassen, nicht auffallen, keine weitere Unruhe verursachen, und das obwohl sie selbst beunruhigt sind, Angst spüren und sich hilflos fühlen.

Nicht selten geschieht, dass die Kinder Rücksicht nehmen
doch ihre eigene Gefühlswelt und ihr Körper eine andere Sprache sprechen.
Verschiedene Auffälligkeiten können dann Folge sein:
Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsverlust, plötzliches Bettnässen,
im Kindergarten kommt es zu mehrfachen Auseinandersetzungen,
rebellischen Verhalten oder einem vollkommenen In-Sich-Kehren,
bei älteren Kindern das Nachlassen der schulischen Leistungen...

Grundsätzliches
Kinder unter dem 8. Lebensjahr erfahren ihre Trauer vor allem durch indirekte, also körperliche Auffälligkeiten.
Sie können sie nicht mit Worten benennen und daher besteht kaum die Möglichkeit, das eigene Erleben konkret anzusprechen oder gar zu erzählen. Sie durchleben etwas, das einfach geschieht.....und sind selbst darin unbeholfen und all dem Geschehen ausgesetzt.
Die Auswirkungen sind so vielfältig, wie Kinder auch unterschiedlich sind.
Aggressivität ist genauso möglich, wie das starke Bedürfnis nach Zuneigung und Nähe.
Verschlossenheit und zurückgezogenes Verhalten ist ebenso möglich,
wie extreme Auffällligkeiten, die ungewöhnlich für das Kind sind.
Dennoch zeigt sich dieses außergewöhliche Verhalten selten im dirketen Kontakt zur Bezugsperson.
Häufig kann es beobachtet werden, während das Kind spielt, malt, sich mit anderen Kindern verhält.

Ab dem 8. Lebensjahr erkennen Kinder die Endlichkeit.
Ihre Trauer wird darum auch noch einmal anders erlebt.
Die eigene Endlichkeit wird ebenfalls begriffen und fließt in die Gefühle- und Gedankenwelt mit ein.
Kinder diesen Alters durchleben ihre Trauer sehr bewusst. Sie erleben all die Gefühle und Symptome, die auch Erwachsene erleben:
Angst, Sorge, Not, Schlaflosigkeit, Aufwachen in der Nacht, Erschöpfung, Leere, Hilflosigkeit, Zukunftslosigkeit, Mutlosigkeit, Sinnlosigkeit, Wut, Hass, Schuldgefühle, Schuldzuweisungen, Verzweiflung, Angst vor Dunkelheit, Verlustängste, tiefste Traurigkeit, Einsamkeit, Zurückgelassenheit, ....
Freude über das Ende von schwerer Zeit (Krankheit und Ungewissheit), schlechtes Gewissen über diese Freude, Sehnsucht nach Neubeginn, Suche nach Nähe und Zuwendung, Bedürfnis nach Stille, Suche nach Gesprächspartnern,....

 



Kinder trauern - nicht anders...sondern so, wie es ihr Entwickungsstand ermöglicht.
Neben Alter, Verständnis und psychischer Entwicklung liegt die Fähigkeit des Trauerns nicht selten daran,
ob Kinder evtl nur am Rande mitbekommen, was geschieht.
Da sie spüren, dass sie nicht dirket mit hineingenommen sind,
beobachten sie heimlich,
wagen sich kaum, Fragen zu stellen,
suchen sich mit ihrem kindlichen Wissen Antworten auf ihre Fragen.....

Wir Erwachsenen müssen ebenfalls begreifen, dass wir für die Kinder Beispiel sind.
Wir sind die Lehrer ihres Lebens.... sie erleben uns und leiten daraus ihr späteres Verhalten ab.

Kinder und Erwachsene sind sich dennoch sehr ähnlich in bestimmten Verhaltensmustern.

Wenn wir einen Menschen weinen sehen, setzen wir alles daran, dass er aufhört zu weinen.
Kinder tun das auch. Sie sind ganz wunderbare Tröster.
Wenn wir einen Menschen weinen gesehen haben, dann setzen wir alles daran, dass er nicht wieder weinen muss.
Kinder tun das auch. Sie verspüren das innere Bedürfnis, nicht Auslöser für erneutes Weinen zu sein.
So halten sie eigene Gefühle, Fragen und Unsicherheiten vor dem anderen zurück.

Doch wie bereichernd und Not wendend wäre es, wenn wir einen weinenden Menschen, weinen liessen, bis seine Tränen von selbst versiegen? Wie gut kann es tun, wenn Weinen nicht unterbunden sondern zugelassen wird, bis es von allein aufhört?

Wie wundervoll und kostbar kann es sein, gemeinsam zu weinen und in dieser erlebten Solidarität des Weinens, Verbündete zu erkennen und darin Mut zu finden, es zu leben und nicht zu unterdrücken, bis der Kessel wieder zum platzen voll ist?


Schenken wir unseren Kindern Vertrauen in ihre Gefühle.
Diese Gefühle zu haben ist oftmals schon schwer genug.
Aber zu erleben, dass wir Gefühle verbergen müssen, dass wir sie unterdrücken müssen und allerhöchstens heimlich durchleben dürfen, wird unsere Kinder nicht zu Erwachsenen heranreifen lassen können, die mit ihren Gefühlen umgehen gelernt haben.
WIR sind die Lehrer unserer Kinder.
WIR haben es also in der Hand, ihnen gerade in Zeiten der Unsicherheit ihre Gefühle zu lassen, sie wahrnehmen zu lernen, sie annehmen zu können und vor allem, den Umgang damit zu erfahren.
Doch das kann nur gelingen, wenn wir selbst unsere Gefühle und Fragen ernst nehmen.

Verhelfen wir also unseren Kindern, ihre Gefühle auszudrücken.....
In der Situation des Todes würde es bedeuten, die Kinder dürfen trauern.....wenn wir es ihnen ermöglichen und auch, wenn wir es ihnen vorleben..in allen Facetten....aber dabei nicht vergessen, dass sie Kinder sind und das jeder einzigartig und individuell ist!

zuletzt geändert am  27.06.2019

Portrait

Gabriele Kniesburges
Dipl. Religionspädagogin
Gemeindereferentin
Trauerbegleiterin
Krankenhausseelsorge

E-Mail: gabykniesburges@gmail.com

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