Trauernde Kinder besuchen eine Kindertagesstätte / eine Schule

Viele Kinder werden, wenn ein Familienmitglied stirbt, ohne einen Tag zuhause zu bleiben, in den Kindergarten gebracht oder zur Schule geschickt.
Das kann zweierlei Hintergründe habe.
Zum einen wünschen sich viele Erwachsene, dass die Kinder die vielen Gespräche, Entscheidungen und Wege, die gegangen werden müssen, nicht unmittelbar mitbekommen.
Zum anderen wünschen sich viele Erwachsene, dass die Kinder außerhalb ihrer familiären Situation so etwas wie Normalität erleben.

Die Normalität ist es, die auch Kinder selbst oft suchen.
Zuhause ist alles irgendwie anders. Der Tagesablauf scheint gestört und die Erwachsenen sind sowieso anders…die ganze Stimmung, die Emotionalität ist neu.
Die Hoffnung auf Vertrautes spiegelt sich in der Suche nach Normalität.

Für manche Verantwortliche (Erzieher/innen, Lehrer/innen) ist es fast schon erschreckend, wenn die Kinder, deren Geschwister, Elternteil oder Großelternteil verstorben ist, so scheinbar unbedarft in die Einrichtung kommen.

Ja, sie suchen die Normalität.
Diese Normalität ist es, die sie kennen, es ist vertraut und daher gibt sie auch eine gewisse Sicherheit. Wenn zuhause nun alles irgendwie anders ist, dann bringt es auch eine Unsicherheit mit sich: was kommt noch, wie wird Mama weiter reagieren, ….?

Doch bei all der Suche nach Normalität ist nicht zu vergessen, dass sich die Kinder in einer Ausnahmesituation befinden.
Selbst wenn sie die Normalität suchen, ist es nicht immer möglich, sie auch zu leben.

Manche Kinder finden im erlebten normalen Ablauf der Einrichtung erst zur Ruhe. Einigen wird erst in dieser vertrauten Struktur die aus der Bahn geworfene Struktur zuhause bewusst.

So kann es immer wieder dazu kommen, dass die Kinder sich auffälliger verhalten.
Das ist normal und hier wird es wichtig, dass ihnen dazu Raum und Zeit gegeben wird.

Mir ist bewusst, wie schwer es ist, im Ablauf des Tages auf Besonderheiten einzugehen. Doch hier liegt die Herausforderung der Verantwortlichen.
Schenken Sie den Kindern Vertrauen.
Lassen Sie sie sich bewegen, wie immer….wenn die Kinder etwas mit sich herumtragen, was sie loswerden möchten, dann werden sie es tun… vor allem dann, wenn sie spüren, dass sie es dürfen (und nicht, weil es von ihnen erwartet wird).

Zuhause verspüren die Kinder oft das Bedürfnis, nicht für mehr Unruhe sorgen zu wollen. Sie schützen die Eltern, Geschwister oder Großeltern. Dieses Gespür haben schon die kleinen der Kinder.
"Ich will nicht, dass Mama auch wegen mir weinen muss!" (Dominik 5 Jahre)
Daher trauen sich die Kinder oft nach einiger Zeit ihre Gefühle, ihre Fragen und ihren Kummer im Alltag der Tageseinrichtung auszudrücken.
Einige schaffen das im Rollenspiel, in der Puppenecke, im Sandkasten oder auf dem Bauteppich.
Andere suchen Bücher, die sie kennen, oder welche, die ihren Fragen Antwort geben könnten.
Die Ausdrucksfähigkeit im Bild ist oft ein bevorzugter Weg.
Beim Malen können Gefühle, Erlebtes oder auch Fragen gut ausgedrückt werden. Und wenn sie das Bild dann zeigen, hoffen sie nicht selten auf Fragen der Erwachsenen und dann auf Gespräch und Antworten.

Geben Sie den Kindern Zeit.
Ihr Verständnis für den Tod ist je nach Alter eingeschränkt.
Was es bedeutet, dass die Mama oder der Bruder nie mehr wieder kommen wird, ist oft erst nach vielen, vielen Wochen im Beginn des Begreifens.

Die Erschütterung über die Nachricht eines Todes, das Miterleben der Beerdigung, all das ist schwer für ein Kind, aber eben auch oft sehr unrealistisch.
Es braucht Zeit und die Möglichkeit, nach und nach zu begreifen.

Bücher über das Thema Tod und Beerdigung, über erfahrene Trauer und den Trost sind hier sehr gute Begleiter.

Vielleicht ist es möglich eine Trauerkiste anzuschaffen und zu bestücken

  • mit einer Kerze, die angezündet werden kann (Rituale geben auch eine gewisse Sicherheit und vor allem eine Möglichkeit etwas tun zu können, sichtbar und begreifbar)
  • vielleicht ein besonderes Kuscheltier, dass nur für den Trost zuständig ist…dann immer wieder weggeräumt wird, wenn es nicht benötigt wird
  • Bücher, die auf verschieden Art an das Thema Tod, Trauer und Trost heranführen
  • Steinen, die als Troststeine dienen können…das Kind, dass trauert, bekommt einen solchen Stein, als Symbol für alles, was es erlebt und fühlt…den Stein in der Hand halten, festhalten, umklammern, ….ihn bei sich tragen können….und irgendwann ablegen…vielleicht am Grab

 

Trauen Sie sich zu, den Kindern beizustehen.
Die wichtigste Aufgabe ist es, ein Kind ernst zunehmen, indem was es fühlt.

  • wenn es sich freuen kann, dann freuen Sie sich darüber, dass es nicht nur traurig ist.
  • wenn es traurig ist, dann verstehen Sie es, trauern sie mit.
  • wenn es wütend ist, dann lassen Sie der Wut ihren Lauf….diese Wut spüren auch die Erwachsenen…es ist zulässig und normal….sich allein gelassen zu fühlen ist genauso normal, wie zu spüren, dass der andere einfach gegangen ist….es dauert seine Zeit, zu erkennen, dass niemand für seinen Tod verantwortlich ist.

 

Sie dürfen auch zeigen, dass es Sie selbst traurig macht.
Einige Tränen mit dem Kind zu weinen kann dem Kind auch Mut machen, weinen zu dürfen.

Haben Sie Mut, dem Kind bei seiner Erfahrung beizustehen, es zu begleiten, es wahrzunehmen und es ernst zu nehmen.

 

 

 

 

 

Ähnliches gilt für die Schule!

Auch hier suchen die Kinder Normalität.
Doch in der Ruhe des Unterrichtes schweifen oftmals die Gedanken ab.
Manche Kinder kommen ganz plötzlich und unerwartet zur Lehrkraft und teilen Botschaften mit wie: "Gestern ist mein Opa gestorben!" - "Morgen wird meine Tante beerdigt und ich darf mitgehen." - Heute kann ich meine Oma noch mal sehen, im Sarg!"

Nicht allen Eltern oder Verwandten ist es im Bewusstsein, dass es für eine Einrichtung hilfreich ist, über den Tod in der Familie zu wissen.
Daher werden diese nur selten benachrichtigt.

Wenn Sie davon erfahren:
dann geben Sie dem Kind in einem kurzen und bewussten Moment zu verstehen, dass Sie es wissen und es zu ihnen kommen darf, wenn es das möchte.

Vielleicht ist es möglich, in einem kurzen Einzelgespräch zu erzählen, voneinander zu erfahren,….
Vielen Kindern ist es unangenehm wenn andere aus der Klasse davon wissen…Fragen und Blicke würden die gesuchte Normalität stören.

Klären Sie mit dem betroffenen Kind, ob es möchte, dass die anderen davon erfahren oder nicht.
Sie können genauso die Klasse von dem Wunsch informieren, wenn das Kind nicht darüber reden möchte, aber schon viele Bescheid wissen.

Kinder, die nach ihrer Verlusterfahrung wieder in die Schule kommen, mit dem Gefühl: alle wissen Bescheid, fühlen sich unbehaglich.
Es geht auch vielen Erwachsenen so, dass sie sich vor der ersten Begegnung mit Nachbarn oder Kollegen unangenehm fühlen.

Sie als Lehrkraft haben die Möglichkeit, es behutsam zu erfragen und konkret einzuleiten.
Wenn das Kind im Unterricht über einige Tage fehlt, können Sie anrufen. Oft sind Eltern und Kinder sehr erfreut, dass sich nach ihnen erkundigt wird. Und Sie nehmen diese gefürchtete erste Begegnung ab…durch Ihren Anruf gehen Sie den Schritt und erleichtern die Begegnung.

Sie selbst müssen für sich erkennen, wie weit Sie ein Kind unterstützen und begleiten können. Suchen Sie sich Hilfe, niemand muss das allein schaffen.

zuletzt geändert am  07.02.2019

Portrait

Gabriele Kniesburges
Dipl. Religionspädagogin
Gemeindereferentin
Trauerbegleiterin
Krankenhausseelsorge

E-Mail: gabykniesburges@gmail.com

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