Der Prozess TRAUER fand mehrfach in der Forschung seinen Platz.
Es wurde dabei eine Position erarbeitet, die von Phasen während der Verarbeitungszeit von Trauer spricht.
Diese Phasen beinhalten, neben aller Unterschiedlichkeit, eine deutlich erkennbare Struktur was Themen, Fragen und begleitende Emotionen betrifft.

Doch neben aller strukturell erkennbaren Ähnlichkeit ist jeder Mensch, jede Situation, jedes Empfinden und Durchleben eine ganz individuelle Begebenheit.

Es wirken unterschiedliche Faktoren ein:

  • die Persönlichkeit des Trauernden
    eine bisher eher ängstliche Person wird wahrscheinlich mit Furcht reagieren
    ein Mensch, der cholerisch ist, könnte als Ausdrucksform in Wut ausbrechen
  • die Art des Verlustes spielt eine Rolle
    stirbt ein Mensch nach langer Krankheit, kann ein Hinterbliebener Erleichterung und Ruhe empfinden.
    Bei Suizid aber auch Unfalltod entwickeln sich häufig Schuldgefühle und auch Wut
  • die Art der Beziehung zwischen der verstorbenen und der hinterbliebenen Person
    Nicht selten gehen Menschen und hinterlassen offene Fragen, ungeklärte Konflikte, unausgesprochene Gefühle. Verunsicherung und Schuldgefühle kommen auf. "Hätte ich doch...." oder "Hätte ich doch nur nicht..."
  • Alter und Generation des Verstorbenen haben ihre Bedeutung
    Stirbt ein Mensch in hohem Alter, wird dies eher angenommen und als "normal" empfunden. Jedoch bei Verlust eines jungen Menschen kommen Gedanken auf, dass es sich um eine Ungerechtigkeit handelt, ein Leben, das noch hätte gelebt werden können.
    Auch verdeutlicht das Alter eines Verstorbenen das Erkennen der eigenen Vergänglichkeit. Diese "Wahrheit" möchte aber kaum ein Mensch an sich heran lassen.
  • Bedeutung und Intensität der Beziehung
    Unabhängig von der Länge einer Beziehung spielt die Auswirkung auf den Menschen eine große Rolle. Bei Erleben einer deutlichen Bestärkung des eigenen Lebens, einer Positivierung des Lebensflusses durch einen Menschen, kann bei Verlust dieser Person ein großer Schmerz erlebt werden.
  • Glaube an gerechte Welt
    Ein Leben nach der Ordnung: Gutes wird belohnt und Schlechtes zieht Sanktionen nach sich, lässt den Anschein aufkommen, wir haben die Möglichkeit in Geschehen einzugreifen. Ein Verlust durch Tod zeigt aber, dass Vergänglichkeit, Zerbrechlichkeit und Ohnmacht eher das grundsätzliche Vertrauen in Gerechtigkeit aufhebt.

Die Phasen der Trauer, wie sie nachfolgend beschrieben werden, sind nicht unbedingt von einander trennbar. Manche Phase wird übersprungen oder in einer oder mehreren Phasen wird lange verblieben. Fortschritt aber auch Rückschritte sind möglich. Auch kann eine andere Reihenfolge der Phase durchlebt werden.
Wichtig ist aber, dass diese Trauer empfunden wird. Sie muss zugelassen und auch angenommen werden. Ein Verdrängen wäre weder für den Betroffenen, noch für die Menschen in dessen Umgebung gut.

Nicht selten geschieht es, dass Menschen, die einen Verlust durch den Tod eines Menschen erlitten haben, bei jeglicher Art von Verlust (Abschiede von Freunden am Nachmittag, ein Wegzug, etc.) sehr stark emotional reagieren. Ein Vermischen, ein wieder Aufkommen von schon bewältigter Trauer kann dann geschehen. Gefühle sind nicht lenkbar. Sie sind da und es muss mit ihnen gelebt und umgegangen werden.

Das Wahrnehmen der eignen Emotionen ist das Fundament einer jeden Trauerarbeit. Sowohl bei sich selbst als auch mit und an anderen Betroffenen.
Zu sagen ist, dass gleich welche Grundsituation sich aufzeigt, die Intensität der bestandenen Beziehung, die emotionale Reaktion leitet. Und wie schon in den vorherigen Kapiteln angeklungen, gehen Menschen sehr unterschiedlich mit ihrem Verlustschmerzen um.

Reaktionen können daher sein:

  • tiefe emotionale Trauer:
    gekennzeichnet durch häufige Gefühlseinbrüche, wie Stimmverlust, immer wieder Weinen, wiederholtes Erzählen der gerade erlebten Situation
  • funktionelles Sachverhalten:
    Gefühle sind ausgeklammert, auf sehr sachlicher Ebene werden die Gespräche geführt und notwendige Formalitäten geklärt, Entscheidungen werden scheinbar "emotionsarm" getroffen.
  • aggressives Verhalten:
    eigene Vorstellungen, die nicht unbedingt realitätsbezogen sind, sind stark vertreten. Unwissenheit und darin gefällte Vorentscheidungen erschweren ein Gespräch. Es ist kaum möglich mit Erklärungen zu arbeiten, die auf wichtigen Regelungen von Seiten des Gesetzes oder der Formgebung durch das Amt oder der Kirche basieren. Unverständnis und ein Nicht-wahr-haben-wollen prägen diese Gespräche.
    Die Aggressivität richtet sich dann auf/gegen die der Familie fern stehende Person, in diesem Fall gegen den Gesprächsführenden des Bestattungshauses.
  • Wut:
    Wut auf den Verstorbenen, der verlassen und zurück gelassen hat, und auch Wut auf sich selbst, wenn schon das Gefühl von Selbstmitleid und auch Selbstschuld-Zuweisung seinen Platz gefunden hat.
    Auch diese Wut wird dann auf die fernstehende und gerade greifbare Person gespiegelt.
  • der Mischtyp:
    hier sind alle im Vorfeld benannten Reaktionen vertreten. Ein schwanken der Reaktionen und dadurch ein erschwertes Umgehen mit den Angehörigen kennzeichnet die Entwicklung des Gesprächs

 

Phasen der Trauer

  1. Die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens: Schock und Verleugnung

    Die Dauer dieser Phase kann zwischen einer Stunde und mehreren Monaten liegen. Bei plötzlichen, unvorhersehbaren Ereignissen (Todesfall durch Suizid oder Unfall etc.) wirkt sich diese Phase eher länger aus.

    Nach Erhalt der Nachricht über den Tod eines Menschen, wird die Situation kaum auf emotionalen Ebenen wahrgenommen. Empfindungslosigkeit und Starre reagieren als Schutzmechanismen vor einer drohenden Überflutung von Emotionen.

  2. Die Phase der aufbrechenden Emotion

    In dieser Phase lösen sich Emotionen. Sie brechen förmlich auf und aus. Es werden Schwankungen erlebt zwischen tiefer Verzweiflung, Angst und Hilflosigkeit, Einsamkeit, Ruhelosigkeit, Ohnmacht, Schuld und Schuldzuweisungen, ebenso auch Wut und Zorn.
    Die letzteren Gefühle finden ihren Ausbruch, nicht selten auch sehr massiv, nach einem nicht vorhersehbaren, plötzlichen Verlust eines Menschen.

  3. Die Phase des Suchens und Sich-Trennens

    Das Suchen drückt sich durch innere Zwiegespräche aus. Der Verstorbene wird gesucht an Orten, zu Zeiten, in Situationen, die im Vorfeld gemeinsam erlebt wurden. Ein Hören auf Geräusche, wie Automotoren, Türenschlagen, Schritte im Haus, sind Beispiele für das Noch-Mithinein-Nehmen in das Leben. Auch Wut und Zorn auf die verstorbene Person gehören hinein in diesen Suchablauf. Solange ein Mensch mit in die Gedanken einbezogen wird (auch durch Zorn), solange man sich über ihn noch ärgert, ist er anwesend.
    Der Prozess des Suchens geschieht unwillkürlich. Dazu gehört dann ein Abschließen, ein Erkennen, dass das Gegenüber nicht mehr da ist. Finden ist daher nicht konkret möglich, aber ein Sich-Trennen-Müssen wird erfahren. Somit ist das Loslassen-müssen wichtig, genauso wie das Lösen, um auf ein Neues, wenn auch anderes Leben schauen und zugehen zu können.
    In dieser Phase findet sich der Trauernde langsam mit dem Verlust des Verstorbenen ab. Es kann sich nun ein neues Selbstgefühl entwickeln.

  4. Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugsr

    Der Verstorbene muss als Gegangener Akzeptanz finden. Der Hinterbliebene muss den Verlust akzeptieren und erkennen, dass ein neues, wenn auch anderes Leben einen Sinn hat, auch ohne den Verstorbenen.
    Sowohl das eigene Leben wird in dieser Phase als wieder lebenswert, als auch die Teilnahme am Leben der Welt.

 

 

Trauer durchleben, heißt sich einlassen auf die Not-wendenden Erfahrungen, Gefühle, Gedanke und Symptome...auf alles, was damit zusammen hängt...es ist kein einfacher Weg, aber es wird ein Damit und Seitdem geben!

zuletzt geändert am  31.08.2015

Portrait

Gabriele Kniesburges
Dipl. Religionspädagogin
Gemeindereferentin
Trauerbegleiterin
Krankenhausseelsorge

E-Mail: gabykniesburges@gmail.com

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